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Weihnachten – Gloria in excelsis Deo
Inhalt:
1. Hoffnung geht in Erfüllung
1.1 Gottes Liebe
1.2 Gott kommt zu uns
1.3 Eine ganz alltägliche Geschichte
1.3 Segen
2. " ... dass die Weihnacht auch in mir geschehe"
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1. Hoffnung geht in Erfüllung
Glaube erfährt das Schauen.
Der Himmel Gottes öffnet sich:
„Gloria in excelsis Deo“.
Furcht darf nicht mehr sein nach dem Ruf:
„Siehe, ich verkündige euch große Freude,
die allem Volk widerfahren wird,
denn euch ist heute der Heiland geboren,
welcher ist Christus, der Herr.“
Allem Volk, allen Völkern, allen Menschen
soll diese großartige Botschaft gelten:
Nunmehr ist Gott in Jesus mitten unter uns.
„Es ist der Herr Christ, unser Gott,
der will euch führn aus aller Not,
er will eur Heiland selber sein,
von allen Sünden machen rein.“
„Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Feld,
die hüteten des Nachts ihre Herde
und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie.“
Ihnen, diesen eher rauen Menschen
galt als ersten der Gesang der Engel in der heiligen Nacht:
„Siehe, ich verkündige euch große Freude!“
Den Hirten entsprach der Stall –
Niedrigkeiten allenthalben:
Denn „Gott wird Mensch uns Menschen zugute“.
Lukas, 2,10
1.1 Gottes Liebe
Immer dieses Klagen! Viele Menschen klagen anderen die Ohren voll. Ein ewiges Jammertal. Auch die Bibel ist voll von Klagen und Anklagen, die sich in vielen Fällen direkt an Gott wenden. Dahinter verbirgt sich die Annahme, dass der gütige Gott, der uns Menschen doch eine bessere Zukunft versprochen hat, in die Geschichte eingreifen würde, um diese beim realisieren zu helfen. So beruft sich der Klagende auf diese Zukunft, fordert sie ein und fragt: „Wie lange noch willst du zusehen?“ Wenn Gott der Allmächtige und Gütige ist, dann müsste er doch eingreifen!
So oder ähnlich denken auch heute noch viele Menschen und warten auf den Gott, der eingreift und ihr Schicksal wendet. Sie werden häufig enttäuscht. Denn Gott kommt anders. Gott ist die Liebe und in seiner Liebe und durch seinen Geist kommt er zu uns Menschen. Nicht über den Weg der Macht, der Omnipotenz, sondern als der ohnmächtige Gott, der erst in uns mächtig wird. Wer einzig darauf vertraut, dass Gott die Liebe ist, und mit seinem Blick der Liebe auf die Zustände dieser Welt blickt, der wird weiterhin viel zu klagen und zu beklagen haben. Wenn wir aber nicht darin verharren und auf Gottes machtvolles Eingreifen warten, dann spüren wir, wie wir selbst eingebunden sind in unser Schicksal. Gerade weil Gott Liebe ist und die Liebe sich jeder Ungerechtigkeit und jedem zerstörerischen Umgang gegen Mensch oder Schöpfung entgegenstellt, bin ich – ein Teil der Liebe Gottes – aufgefordert, alles zu tun, was in meiner Macht steht, um das Schicksal zu wenden.
1.2 Gott kommt zu uns
Gott kommt zu uns.
Wir müssen nicht mehr zweifelnd
nach ihm fragen.
Gott kommt zu uns,
um seine Gnade allen anzusagen.
Gott kommt zu uns
und lässt uns wieder hoffen,
denn sein Herz
ist für alle Menschen offen.
Gott kommt zu uns.
Gott kommt zu uns.
Die Krippe und das Kreuz
sind seine Zeichen.
Gott kommt zu uns,
und unsre Trauer
soll der Freude weichen,
denn Gott lässt uns
durch seine Liebe leben,
dass wir sie andren liebend
weitergeben.
Gott kommt zu uns.
Gott kommt zu uns.
Er kommt herab
von seinem ewigen Thron.
Gott kommt zu uns
und wird uns gleich in Jesus,
seinem Sohn.
Er schenkt uns
seine wunderbaren Gaben,
dass wir für alle Zeit zu leben haben.
Gott kommt zu uns.
Gott kommt zu uns.
Wir müssen uns nicht mehr
zu ihm bemühen.
Gott kommt zu uns.
Nun werden auch im Schnee
die Rosen blühen.
Gott kommt zu uns
in einem kleinen Kinde,
dass er mit dem, was klein ist,
sich verbinde.
Gott kommt zu uns.
Johannes Jourdan
1.3 Eine ganz alltägliche Geschichte ...
Jens saß in der Kneipe. Wie so oft grübelte er über sein Leben nach. War das nun alles? Morgens aufstehen, zur Arbeit hetzen, Überstunden, Geld verdienen, ausgeben ... Ja, er hatte Familie: Frau und Tochter, aber seine Ehe war zur Routine geworden, erstarrt.
Er fühlt
sich als Versager. „Fräulein, ein Bier bitte!“
Früher hatte er mal Träume gehabt. Was Besonderes wollte er werden, mit seiner Band groß rauskommen,
als Sänger berühmt werden. Er war früh ausgezogen zu Haus, alles war so beengend, er wollte Freiheit!
Er hatte seine „Freiheit“.
Jens zog mit seinen Freunden herum, sie musizierten in Kneipen.
Danach wurde getrunken. Im Rausch
sah alles viel bunter aus, man fühlte sich anerkannt, wer viel vertragen konnte, wurde bewundert.
Und der Morgen danach? Elend ging es ihm oft genug. Hundertmal schwor er sich, ich steige da aus,
aber es fehlte ihm die Kraft dazu. Berühmt wurde seine Band nicht und für seine Probleme
interessierten
sich seine Kumpels auch nicht. Jens zündete sich eine
Zigarette an, sein Bier war schal geworden.
Er winkte der Bedienung: „Ein frisches Bier, bitte.“
Ein Schulfreund hatte ihm wieder auf die Beine geholfen.
Gemeinsam formulierten sie Bewerbungsschreiben;
Bernd half auch bei der Zimmersuche und leistete Gesellschaft an trüben Abenden. Eines Tages lud er Jens ein,
doch mal mit zum Gottesdienst zu kommen. Aber Jens winkte ab, einen Tick hatte wohl jeder und Bernd hatte
eben einen christlichen Tick. Naja, für einen richtigen Kerl war das doch nichts. Jens war oft allein, rackerte sich
ab, um zu verdienen. Man musste was darstellen: schicke Klamotten, Auto, Wohnungseinrichtung ... er hatte sich
so ins Geldverdienen hineingesteigert, dass für Freundschaften keine Zeit mehr blieb. Wenn Jens heute an diese
Zeit zurückdachte, wurde ihm immer noch kalt vor Einsamkeit. Aber war er heute viel besser dran? Er dachte an
Sibylle, die jetzt allein zu Hause saß und wurde ein bisschen traurig. In großen Zügen trank er sein Bier. Jens
erinnerte sich an ein Gespräch aus jener Zeit. In der Disco hatte ihn einer angequatscht, wieso eigentlich ihn?
„Weißt du“, fing der an, „eigentlich wollte ich Jura studieren, große
Karriere machen, viel Geld verdienen. Aber
Jesus hatte was anderes
mit mir vor. Ich habe ihn auf einer Jugendfreizeit kennengelernt und ihn seitdem zum
Herrn über mein Leben gemacht. Jetzt bin ich Erzieher und arbeite mit behinderten Kindern. Jesus gibt mir Kraft
und Freude für meine Arbeit.“ Jens war sehr nachdenklich
geworden. Was dieser junge Mensch ihm da erzählt
hatte, rührte ihn an. Gleichzeitig ärgerte er sich darüber, sein Verstand weigerte sich, so einen Blödsinn zu
glauben. Er hatte das Gespräch bald wieder
vergessen. Jens ging damals oft in die Disco, um die Einsamkeit zu
vertreiben. Ja, er war gutaussehend, er konnte Mädchen haben... Aber diese Beziehungen befriedigten ihn nicht,
sie blieben so leer. Und je mehr Mädchen er hatte, umso größer wurde die Leere in seinem Herzen. „Ein Bier noch,
bitte.“ Jens sah auf die Uhr, es war spät geworden, die Kneipe war fast leer. Naja, mit Sibylle war es anfangs
anders gewesen. Jens hatte sie in der Disco kennengelernt, seine „Traumfrau“. Dunkles Haar, zierlich,
temperamentvoll.
Und dann diese Augen ...!
Ja, sie hatte die Leere ausgefüllt. Mit ihrer Lebensfreude,
ihrer Lustigkeit hatte sie ihn angesteckt. Er war wie
verwandelt. Und dann wurde sie schwanger! Ausgerechnet ihm musste das passieren. Seine zierliche Sibylle
wurde rund und unförmig.
Wo war ihr Temperament, ihre Lustigkeit geblieben? Das Baby: ein Mädchen.
Nächtelang raubte es ihm den Schlaf, bis er auszog aus dem gemeinsamen Schlafzimmer. Müde und abgespannt
empfing ihn seine „Traumfrau“ abends, wenn er von der Arbeit heimkam.
Immerhin, er hatte zu ihr gehalten. Er war
nicht, wie viele andere, die ihr Mädchen sitzen ließen. Aber wo waren all seine Träume geblieben? Was war sein
Leben eigentlich wert? War er wirklich ein Versager? Der vergangene Tag fiel ihm ein. Er war wie immer abends
heimgekommen. Bärbel kam ihm schon ganz aufgeregt an der Tür entgegengesprungen: „Papi, Papi, stell dir vor“,
sprudelte sie, „unsere Frau Seidel vom Kindergarten ist krank geworden und kann jetzt nicht bei unserem
Krippenspiel die Gitarre spielen. Aber Mutti hat gesagt, sie will vielleicht einspringen, Mutti kann doch auch schön
Gitarre spielen ...“
Jens wurde unbehaglich, als er an die Diskussion mit Sibylle dachte. „Willst du wirklich in der Kirche spielen?
Vor all den Leuten?“
Sie hatte ihn nur angesehen. Jetzt ließ es ihm keine Ruhe mehr, wie konnte er nur so lange
hier sitzen! „Fräulein, zahlen!“ Nur schnell nach Hause, durch die regnerische Nacht.
Alles dunkel, Sibylle war
schon zu Bett gegangen. Jens bedauerte die Unstimmigkeit von vorhin. Es tat ihm leid, dass er den
ganzen Abend
fortgeblieben war. So würde ihre Ehe auch nicht besser werden. Jens richtete sein Bett im Wohnzimmer, Sibylle
hatte ihren Schlaf nötig. Aber er konnte keine Ruhe finden. Er erinnerte sich, ja, ganz früher hatte er selbst mal
einen Hirten im Krippenspiel dargestellt ... Er muss wohl doch eingedöst sein, denn er sieht den Engel: „Fürchtet
euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird ...“ Wie ging‘s dann weiter?
Jens schreckt aus seinem Halbschlaf. Was war denn die Freude, wo war sie ihm widerfahren? Er nickt wieder ein.
Bilder ziehen an ihm vorbei: die Stadt, eine dunkle Landschaft. Da, schemenhaft sieht er seine alten Freunde im
Dunkel verschwinden; sein Leben zieht in düsteren Farben vorüber wie im Kino. Und plötzlich in all dem Dunkel ein
helles Licht ... Er erwacht wieder, es ist noch sehr früh.
Jens fühlt sich zerschlagen. Was hat im Traum der Engel
gesagt von der Freude? Jens kriegt es nicht zusammen. Aber irgendwo muss doch noch eine Bibel stecken, ja, da
oben im Regal, ganz verstaubt. Jens blättert und liest: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird
nicht wandeln in Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ Aber das ist nicht die Stelle, die Jens
sucht ... Der vierte Advent ist da. Die Kirche ist rappelvoll, alle wollen das Krippenspiel sehen. Da fehlen noch
Stühle, ein Hirte hat seinen Hut vergessen, es ist ein Kommen und Gehen, Aufregung, Lachen, Leben. Und
mittendrin Sibylle. Und Bärbel. Sibylle lacht so vergnügt, als sie ihrer Tochter beim Umziehen hilft.
Dann wird alles still und feierlich: das Spiel beginnt. Was ist denn geschehen? Jens sieht seine Frau, wie sie spielt
und singt. Sie sieht wunderschön aus. Wie sie strahlt und wie ihre Augen leuchten.
Und die Kinder: so andächtig
und mit großem Ernst bei der Sache. Seine kleine Tochter ...
Jetzt kommt die Stelle mit dem Engel: „Fürchtet euch nicht!
Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem
Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids
...“ Euch ist heute der Heiland geboren, der Heiland!
Jens denkt an seinen Traum: das Licht!
Nach der Aufführung stehen alle noch zusammen, Alte und Junge, und
reden: „Hat ja alles gut geklappt. Naja, kleine Pannen passieren immer mal. Hat Spaß gemacht. Wir hatten schon
bei den Proben soviel Freude.“ Jens staunt.
Wie diese Menschen miteinander umgehen, gefällt ihm. Da ist Wärme, ein Miteinander, das er nicht kennt.
Er steht einfach dabei und fühlt sich wohl. Und dann fragt einer: „Wollt ihr beiden denn nicht mal zu unserem
Singkreis kommen? Jemand, der ein bisschen
Gitarre spielt, fehlt uns noch. Wir treffen uns im Gemeindehaus.“
Jens fühlt sich so leicht, auf einmal. Er kann einfach dahinkommen, ohne Vorbehalt? Was wohl Sibylle davon hält?
Jens sieht zu ihr
hinüber, ihre Augen sprechen. Oh ja, sie würden bestimmt kommen.
1.4 Segen
Gott segne dich.
Er wecke in dir die Anteilnahme
für dein einsames, liebesbedürftiges Herz
und schenke dir seine belebende Kraft.
Er schaffe in dir die Achtsamkeit
für die Menschen um dich her,
sie sind wie du und du brauchst keinen zu fürchten.
Denn auch in ihnen wohnt ein verletzliches Herz wie in dir,
und deine Freundlichkeit wird sie trösten.
Gott segne deine Behutsamkeit und Zartheit,
und schenke dir ein weises Herz,
das Segen wirkt und Wunden heilt.
2. „… dass die Weihnacht auch in mir geschehe”
Matthäus 2 (in Auswahl)
Liebe Gemeinde!
Weihnachten ist mehr als drei Tage im Jahr.
Weihnachten ist mehr als ein Geschehen vor 2.000 Jahren.
Weihnachten wird für uns bedeutsam als ein Fest des Glaubens, wenn es uns anrührt, wenn es etwas in uns zum
Klingen bringt.
So ist Weihnachten weniger ein Gedenkfest, sondern etwas, was in uns geschehen will.
Im Mittelalter schrieb der große, christliche Mystiker Meister Eckhart: „Wir feiern Weihnachten, auf dass diese
Geburt auch in uns Menschen geschieht. Wenn sie aber nicht in mir geschieht, was hilft sie mir dann?
Gerade, dass sie auch in mir geschehe, darin liegt ja alles.“
Darin liegt alles, dass Weihnachten in mir geschieht.
Also darin, dass Weihnachten nicht etwas bleibt, was in
früheren Zeiten einmal geschehen ist, sondern dass es etwas ist, was sich in mir ereignet. Das ist das Wesentliche
an Weihnachten. Und darum geht es mir in dieser Weihnachtspredigt.
Der Glaube, so sagt man zu Recht, ist etwas, was trägt auch in
Zeiten der Not. Damit der Glaube in Zeiten der Not
trägt, dafür muss
er tragfähig geworden sein, fähig, Nöte zu tragen und fähig Hoffnung zu spenden. Um tragfähig
zu werden, muss der Glaube einen sicheren Stand gewinnen.
Das Spannende an Märchen, an Abenteuer- und Liebesgeschichten ist, dass Menschen hier Gefahren ausgesetzt
sind.
Als Leser fiebern wir mit, dass der Held oder die Heldin sie bestehen und sich ihnen gewachsen zeigen oder
im Laufe der Zeit lernen mögen, die Herausforderungen zu bestehen.
Ein Glaube, der trägt, hat manche Herausforderung bestanden, bevor er tragfähig geworden ist.
Damit Weihnachten mehr wird als ein Fest, das wir alle Jahre wieder feiern, muss es sich in uns ereignen, muss es
in mir stattfinden.
Bevor Menschen bereit sind, das Kind in der Krippe als Heiland und Erlöser anzubeten, müssen
sie einen weiten Weg
zurücklegen. Die Menschen früherer Zeiten haben davon gewusst. Uns Heutigen sind solche
Gedanken oft fremd. Wir müssen uns gleichsam herantasten. Darum lassen Sie mich meine Gedanken in eine
Erzählung kleiden.
Großeltern und Enkel haben oft ein besonderes Verhältnis miteinander. Vielleicht liegt das daran, dass Großeltern
in den
Enkeln noch einmal erleben, wie sie selbst groß wurden, sie spüren
wieder die Frische und das Leben der
eigenen Jugend. Und Kinder und Jugendliche hören oft gerne auf das, was ihnen die Großeltern mitzugeben
haben, wahrscheinlich weil sie Menschen suchen und brauchen, die ihnen eine Richtung weisen, die ihnen Werte
und Ziele nennen, die den Sinn des Lebens zu erkennen geben.
Junge Menschen suchen und brauchen
Menschen, die ihnen die richtigen Wege weisen, nicht die, die in Alkohol und Drogen enden,
sondern die, auf
denen sie den Reichtum und die Ganzheit des
Lebens finden.
So sagt auch in der Geschichte, die ich Ihnen jetzt erzählen möchte,
eines Tages der 15-jährige Peter zu seinem
Großvater: „Sag mal, Großvater, was hältst du eigentlich von Weihnachten?“
„Na ja, ein bisschen viel Rummel, geschenkt wird mir auch zu viel, aber mir gefällt, dass die Familie
zusammenkommt. Es tut so gut, wenn die ganze Familie einmal zusammen ist. Und wenn ich dann sehe, wie sich
die kleinen Geschwister über die Geschenke freuen, welche großen und erwartungsvollen Augen sie haben,
dann wische ich mir schon einmal verstohlen eine Träne aus den Augen.
Weißt du, es ist schön, Augen zu sehen, die noch soviel erwarten können!“
„Das verstehe ich, als ich noch kleiner war, habe ich mich auch darüber gefreut aber es ist mir zu wenig.
Ich meine, ich suche etwas, das mich wirklich anmacht.“
„Ihr mit euren neumodischen Ausdrücken“, meint der Großvater.
„Weißt du, irgendwie hast du recht.
Weihnachten ist mehr als ein schönes Familienfest, so wichtig es ist, Familienfeste zu haben.
Das wirst du merken,
wenn du älter geworden bist und nicht mehr ein ganzes Leben vor dir hast. Aber zurück zu deiner Frage.
Weihnachten, ich will es einmal so sagen, ist etwas, was sich in dir ereignen muss.“
„Was meinst du damit, Großvater?“
„Nun, vielleicht spürst du das manchmal auch in dir, so ein Ahnen und Sehnen, dass das Leben mehr sein muss
als arbeiten, etwas leisten, als alles möglichst gut zu machen. Gewiss, das ist wichtig, aber das Leben muss
mehr sein. Spätestens dann, wenn du wie ich pensioniert bist und nicht mehr arbeiten darfst, oder wenn du keine
Arbeit findest, dass merkst du, dass das Leben mehr sein muss, als etwas leisten zu können. Dann spürst du,
dass du selber mehr wert sein musst als deine Leistungen, sonst wäre das Leben sehr arm. Dann sehnst du dich
danach, dass einer dich schätzt, obwohl du alt oder krank bist, dass einer deinen Wert sieht, ohne dass du ihm
etwas vorweisen musst. Weißt du, dann wünschst du dir, dass Menschen zu dir kommen und deinen Wert sehen
wie …ja, wie in der Weihnachtsgeschichte die Weisen, die von weit her aufbrechen und sich auf den Weg nach
Bethlehem zu dem Kind aufmachen und es anbeten und verehren. Das Kind konnte nicht mit Leistungen
aufwarten. Es konnte nicht sagen, schaut her, was für ein toller Kerl ich bin. Die Menschen liebten es einfach,
weil es da war.“
„Aber Großvater, das war ja ein besonders Kind, das Jesuskind, das kannst du doch nicht mit dir vergleichen.“
„Doch, das kann ich, das habe ich inzwischen gelernt“, erwiderte der Großvater. „An dem Besonderen wird nämlich
deutlich, wird besonders deutlich, was für uns alle gilt. Die Welt Gottes hält für uns etwas bereit, was es gilt,
in unser Leben zu übertragen.“
„Was?“
„Deinen eigenen Wert zu finden, dich selber zu finden und zu mögen, Peter.“
„Das hört sich an, als hättest du lange dafür gebraucht, Großvater.“
„Ja, das habe ich. Es war ein weiter Weg.
In der heutigen Zeit, wo man soviel mit dem Auto oder dem Flugzeug reist, wissen die meisten gar nicht mehr,
was es heißt, den eigenen Weg zu gehen, mit eigenen Füßen zu gehen. Aber gerade das ist wichtig, gerade darauf
kommt es an. In dem Weg der Weisen aus dem Morgenland sehe ich meinen eigenen Weg. Als ich spürte, ich bin
mehr als meine Leistungen, mehr als mein gutes, oft perfektes Tun, war es, als ob
ein Stern aufginge und mir
einen Weg zeigte.
Als ich diesem Stern, dieser Spur folgte, da bin ich auch nach Jerusalem gekommen, ich bin Herodes begegnet.
Nur dass für mich Herodes nicht ein fremder König, sondern ein Teil von mir selber war.“
„Wie meinst du das,
Großvater?“
Und der Großvater erwiderte: „Früher war es für mich ganz wichtig,
etwas leisten zu können. Ich war
stolz auf meine Leistungen.
In der Firma, wo ich arbeitete, hatte ich, wie du weißt, einen
höheren Posten inne.
Es hat mir Spaß gemacht, den anderen Anweisungen zu geben, die anderen nach meiner Pfeife tanzen zu lassen.
Dieses Gefühl von Macht, was ich dann hatte, das habe ich ausgekostet. Dann fühlte ich mich groß, dann wusste
ich, wer ich war. Oder auch, wenn andere mich um Rat fragten, wenn ich helfen konnte, dann spürte ich,
wie wichtig, ja unentbehrlich ich war.
Und eine Stimme in mir sagte, du musst soviel wissen, soviel können,
dass die anderen zu dir kommen. Du musst unentbehrlich sein. Das war mein König Herodes und nach seinen
Anweisungen habe ich die meiste Zeit meines Lebens gelebt.
Als ich begann, meinem Stern von Bethlehem
zu folgen, da
begegnete ich meinem König Herodes wieder. Aber jetzt galt es, mich nicht mehr nach ihm zu
richten, so wie die Weisen ja auch nicht mehr zu Herodes zurückkehrten, nachdem sie in Bethlehem angekommen
waren. Die Wege des Herodes und die des Kindes sind getrennte Wege und es gilt, sich für einen Weg zu
entscheiden. Ich habe mich für den Weg des Kindes entschieden.“
„Halt, Großvater, du bist mir zu schnell. Ich will
für andere wichtig sein, ich will fähig sein, Anweisungen zu geben, Entscheidungen zu treffen, Ratschläge zu
erteilen. Und du willst das alles aufgeben?“
Der Großvater schaute seinem Enkel direkt ins Gesicht,
dann antwortete er: „Ich fordere dich nicht auf, ein Duckmäuser zu werden, der keine eigene Meinung hat.
Vielmehr entwickele deine Fähigkeiten, etwas zu leisten, entwickele dein Vermögen zu unterscheiden und
Entscheidungen zu treffen, zu führen und Verantwortung zu übernehmen.
Und dann lass dich spüren, dass du
mehr bist als all dieses, lass dich empfinden, dass dein Wert höher ist als all deine Fähigkeiten, als all dein Tun.
Und dann spüre, dass du im Einklang mit Gott leben willst, spüre
dass du nicht nur leisten, sondern auch
empfangen willst, dass du bereit bist, geschehen zu lassen, so wie wir es im Vaterunser beten, dein Wille
geschehe. Du wirst dann einen neuen Frieden, einen göttlichen Frieden erleben. Dafür ist es nötig, dass der
Herodes in dir stirbt.
Weißt du, Peter, wenn du in dir mit den Weisen aus dem Morgenland diesen Weg gehst,
dann geschieht in dir Weihnachten. Dann ist Weihnachten nicht mehr ein Fest, dass du alle Jahre wieder feierst,
dann ist Weihnachten ein Geschehen, wo dich Gott berührt, wo Gott in dir Mensch wird.“ Dann schwiegen der
Großvater und Peter und beide ließen die Worte in sich wirken.
Liebe Gemeinde!
Ich möchte mich den Worten des
Großvaters anschließen. Wie sagte
Meister Eckhart: „Wir feiern Weihnachten, auf dass diese Geburt auch in uns
geschieht. Wenn sie aber nicht in uns geschieht, was hilft sie mir dann? Gerade dass sie auch in mir geschehe,
darin liegt ja alles.“
Möge die Geburt von Weihnachten heute in Ihnen und in mir
geschehen, das wünsche ich uns
allen von ganzem Herzen.
Amen.
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