Bingen, Hildegard von

* 1098 in Bermersheim vor der Höhe (Taufkirche) oder in Niederhosenbach (damaliger Wohnsitz des Vaters)
† 17. September 1179 im Kloster Rupertsberg bei Bingen am Rhein

Hildegard von Bingen war Benediktinerin, Dichterin, Mystikerin und eine bedeutende Universalgelehrte ihrer Zeit. In der katholischen Kirche wird sie als Heilige und Kirchenlehrerin verehrt; in der evangelischen Kirche wird mit Gedenktagen an sie erinnert.
Ihre Werke befassen sich mit Religion, Medizin, Musik, Ethik und Kosmologie. Sie war Beraterin vieler Persönlichkeiten, unternahm weite Seelsorgereisen und predigte öffentlich.

Statue der Hildegard von Bingen

Lebenswege

Sie wusste um die wunderbaren Werke, die Gott an den Menschen tut: Hildegard von Bingen. Ihren Namen hören wir oft. Aber wer verbirgt sich dahinter? Wenn wir die Möglichkeit hätten, sie nach ihrer Kindheit zu fragen, hätte sie uns davon vielleicht so erzählt:

"Ich stamme von einem großen Gut: Bermersheim. Es lag am Rande des Pfälzer Waldes. Ich wurde dort als zehntes Kind meiner Eltern geboren.
Das klingt sehr aufregend: zehn Kinder auf einem Gut, aber ich war oft krank und konnte deshalb mit meinen Geschwistern nicht so oft zusammensein, wie ich gern wollte. Aber vielleicht prägten sich mir in der Stille die Eindrücke tief ein, die das Leben auf einem Hof mit sich bringt: der Rhythmus der Jahreszeiten, die Arbeiten, die dazu gehören, das Feuer im Herd in der Küche ...

Etwas bedrückte mich. Ich sah immer wieder Bilder vor meinem inneren Auge, Visionen. Wenn ich über irgendetwas nachsann, verdichtete es sich zu diesen Bildern. Ganz arglos erzählte ich der Kinderfrau davon. Sie erschrak dermaßen, dass ich fortan schwieg. Sie hielt das alles für Eingebungen des Teufels. Mit acht Jahren musste ich mein Zuhause verlassen. Meine Eitern hatten bei meiner Geburt ein Gelübde abgelegt, mich einem Kloster zu übergeben. Das war zu unserer Zeit durchaus üblich. Ich kann mich noch gut an den ersten Tag erinnern. Das Kloster lag auf dem Disibodenberg über der Nahe. Benediktiner lebten dort. Mein Vater hatte mich hingebracht. Ich sehe mich noch vorne in der Kirche stehen. Sie war dunkel ausgeschmückt. Alles wirkte bedrückend und ein wenig unheimlich. Auch die Gesänge.

Vorne stand eine junge Frau, Jutta von Sponheim. Außerdem sah ich noch ein Mädchen in meinem Alter. Später erzählte mir Jutta: die Kirche war tatsächlich wie zu einer Trauerfeier geschmückt. Sie hatte an diesem Tag ihr Gelübde abgelegt. Damit war sie für die Welt "gestorben". Wir beiden Kinder konnten das natürlich noch nicht. Das geschah erst später. Wann genau erinnere ich mich allerdings nicht mehr. Ja, und dann zogen wir über den Klosterhof. An die Kirche war ein kleines Gebäude angeschlossen, eine Klause. Wir drei traten ein. Ich höre noch das Aufschichten von Steinen, das Mauern. Wir waren eingeschlossen in der Klause.“

Hildegard von Bingen in der Klause

Es mutet uns unbarmherzig an, ein Kind mit acht Jahren dem vertrauten Umfeld zu entreißen und dann auch noch einzumauern. Kinder wurden im Mittelalter jedoch gewöhnlich früh einem Kloster zum Unterricht übergeben. Klausen waren weit verbreitet. Bei den Benediktinern gestalteten sie sich verhältnismäßig großzügig. Die drei Insassinnen verfügten über drei Räume. Einen konnten sie heizen. Ein ummauerter Garten diente dem Anbau von Heilpflanzen. Ein Fenster öffnete sich zur Kirche, ein anderes – verhängtes – zum Klosterhof. Trotzdem wäre es sehr schwer gewesen, wenn Hildegard sich nicht so gut mit Jutta von Sponheim verstanden hätte. Diese unterrichtete die Mädchen im Lesen und Schreiben, in einem einfachen Latein und in der Heilkräuterkunde. Hildegard hörte zu, wenn ihre "Meisterin" den Menschen am Klausenfenster lauschte. Das ganze bewegte Zeitalter rollte durch die Erzählungen vor ihnen ab: Kreuzzüge, Papst und Gegenpapst, Streitigkeiten zwischen Papst und Kaiser. Nur diese Visionen – sie hörten nicht auf. Irgendwann erfuhr Jutta von ihnen. Sie ließ den Abt rufen, um sich mit ihm zu beraten. Der Abt ließ einen Mönch Namens Volmar prüfen, ob die Eingebungen nicht vielleicht doch vom Teufel herrührten. Volmar war sich bald sicher: die Visionen sind göttlichen Ursprungs. Immer mehr Frauen drängten in die Klause. Der Platz reichte nicht mehr.

Die Nonnen bildeten schließlich eine Art Nebenkloster unter Oberaufsicht des Abtes. Nach Juttas Tod wählten sie Hildegard zu ihrer Nachfolgerin. Eines Tages meinte Hildegard eine Stimme zu hören. "Schreib auf, was du in deinen Schauungen siehst." Schreiben? Als Frau? Was würde das für ein Gerede geben! Doch die Stimme ließ nicht locker. Hildegard wurde krank. Lähmungen suchten sie heim. Und immer wieder diese Stimme! Gottes Stimme? Endlich gab sie nach – und die Lähmungen lösten sich. Hildegard schrieb auf Wachstafeln oder diktierte, was Volmar ins Reine übertrug.
Er beriet sie in der lateinischen Sprache, die sie grammatikalisch nicht ganz beherrschte. Der Abt reagierte vorsichtig. Schreibende Frauen – das war so eine Sache. Zum Glück ergab sich die Gelegenheit, die Schriften vom Papst überprüfen zu lassen. Er entschied: "Sie ist eine Stimme Gottes.“

Kritik an kirchlichen und weltlichen Machthabern

Seitdem konnte sich Hildegard manch harte Kritik an kirchlichen und weltlichen Machthabern herausnehmen. Durch sie sprach ja Gott! Aber bald brach ein Sturm der Entrüstung unter den Mönchen los. Die Nonnen wollten ein eigenes Kloster gründen. Das ging zu weit! Doch Hildegard gelang es, Kontakt mit dem Erzbischof zu Mainz aufzunehmen. Er versprach, die Oberaufsicht über das neue Kloster zu übernehmen. 1150 gründeten die Frauen ihr eigenes Kloster auf dem Rupertsberg über dem Rhein bei Bingen. Sie lebten zunächst wie auf einer Baustelle. Die Mönche vom Disibodenberg weigerten sich, die Mitgift, die die Eltern beim Eintritt bezahlt hatten, zurückzuerstatten. Freunde und Verwandte sprangen ein. Allmählich normalisierte sich das Leben. Volmar war mitgezogen, sodass Hildegard neben ihren Aufgaben als Äbtissin ihren theologischen Schriften weiter Zeit zu widmen vermochte. Drei theologische Werke entstanden. Am bekanntesten ist "Scivias – Wisse die Wege".

Werke und Reisen

Aber Worte reichten nicht aus, um die göttlichen Schauungen auch nur annähernd wiederzugeben. So ließ Hildegard zahlreiche ihrer Visionen malen. Außerdem dichtete sie Lieder und vertonte sie und widmete sich der Heil- und Pflanzenkunde. Nicht genug damit. Sie entwickelte eine reichhaltige Korrespondenz, mit der sie in das Zeitgeschehen eingriff. Die Energie reichte sogar noch zur Gründung eines Tochterklosters auf der anderen Rheinseite in Eibingen. Den größten Wirbel verursachten aber ihre Predigtreisen zu Pferde und zu Schiff, die sie im Alter durchführte. Wenn sie den Menschen, insbesondere den Geistlichen, ins Gewissen redete, fiel das nicht gerade sanft aus. Sie wandte sich gegen eine veräußerlichte Kirche, die ihre eigentlichen Aufgaben vernachlässigte. Ihr Ruf als "Stimme Gottes" schützte sie bei diesem ungewöhnlichen Unterfangen. Doch eine Rache für ihre brüsken Mahnungen ereilte sie doch: so sehen wir die über achtzigjährige Äbtissin auf dem Klosterfriedhof mit ihrem Stab über einem Grab ein Kreuz schlagen. Dann gibt sie ein Zeichen, damit Bedienstete die Stätte unkenntlich machen. Was war geschehen?

Ein junger Adliger war wegen seiner Vergehen aus der Kirche ausgeschlossen worden. Nach entsprechenden Bußleistungen fand er wieder Aufnahme. Er starb bald darauf. Seine Beisetzung erfolgte auf dem Klosterfriedhof. Nun fand sich in den Wiederaufnahmeunterlagen ein formaler Fehler. "Alles ungültig", befand die hohe Mainzer Geistlichkeit. Unter Androhung des Interdikts befahl sie Hildegard, das Grab aufzulösen. Sie dachte nicht daran. Es war ihr klar, dass die Abwesenheit des Erzbishofs dazu diente, sich für manche ihrer Kritikäußerungen schadlos zu halten.

Das Unfassbare geschah: das Interdikt wurde verhängt – fast ein Todesurteil für mittelalterliche Menschen. Durften sie nicht mehr die Messe feiern, glaubten sie sich abgeschnitten vom Lebensstrom, den die Kirche vermittelte. Hildegard machte sich auf den beschwerlichen Weg nach Mainz. Es nützte nichts. Kurz vor ihrem Tod erlebte sie gerade noch die Einigung.
Sie starb am 17. September 1179. Dieser Tag gilt auch als ihr Gedenktag. ln vollem Umfang würdigt erst das 20. Jahrhundert das Werk dieser Frau, deren Wunsch an die Menschen lautet: "Das Licht vom Lichte leuchte in dir."

Der deutsche Papst Benedikt XVI. (2005-2013) erhob Hildegard von Bingen 2012 zur Heiligen der Universalkirche und ernannte sie zur Kirchenlehrerin. Ihr Namenstag ist der 17. September. Sie ist Schutzpatronin der Philologen und Esperantistinnen.

„Der Mensch sollte all seine Werke zunächst einmal in seinem Herzen erwägen, bevor er sie ausführt.“

 

Literatur über Hildegard von Bingen:

› Bücher über Hildegard von Bingen und das Thema Heilkunde
› Arbeitshilfe zu Hildegard von Bingen
› Magazinbeitrag über Hildegard von Bingen

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